Arbeitskreis Historisches Geretsried
Arbeitskreis Historisches Geretsried

Arthur Zimprich wurde am 8. 5. 42 in Ketzelsdorf, Kreis Zwittau in Mähren, heute Tschechien,  geboren. Von 1948 - 1955 lebte er mit Eltern und Geschwistern im ehe-

maligen Pförtnerhaus der DSC in Geretsried und seit 1955 im nahegelegenen Königsdorf. Dort gründete er aus Dankbarkeit, wieder eine Heimat gefunden zu haben, das Heimatmuseum und leitete es bis 2011. Dem Arbeitskreis Historisches Geretsried  schloss er sich gerne an, da ihn sowohl die prägenden persönlichen Nachkriegserfahrun- gen als auch die 32-jährige Tätigkeit  als  Geschichts- lehrer am Gymnasium Geretsried dazu motivierten.

Am Montag, den 11. Januar 2021 ist Arthur Zimprich mit 78 Jahren im Senioren- und Pflegeheim Schwaigwall verstorben. Dank seines hoch verdienstvollen Wirkens in unserer Region wird der ehemalige Lehrer am Geretsrieder Gymnasium für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde in Erinnerung bleiben.

Nach Abschluss des Studiums und Referendariats zog Zimprich zurück nach Königsdorf und erhielt 1972 eine Anstellung als Geschichtslehrer am neu gegründeten Geretsrieder Gymnasium. Dort wurde er zum Fachbetreuer für Geschichte und blieb dort 32 Jahre bis zu seiner Pensionierung.

Sein Engagement für Heimatforschung und die Erinnerungskultur haben die Region nachhaltig geprägt und Spuren hinterlassen, die überdauern: Der Weg der Geschichte in Geretsried und Königsdorf sowie das Heimatmuseum von Königsdorf gehen auf Arthur Zimprich zurück. In zahlreichen Vorträgen, Führungen und Ausstellungen gab er sein Wissen weiter. Arthur Zimprich war an der Gründung des Historischen Vereins Wolfratshausen beteiligt und er war Initiator für die Gründungen der Historischen Arbeitskreise in Geretsried und Königsdorf.

Erster Bürgermeister Michael Müller über Arthur Zimprich, der seit 2010 Ehrenbürger von Geretsried war und 2014 den Deutschen Bürgerpeis für sein Lebenswerk erhielt: „Wir verlieren mit Arthur Zimprich einen Menschen, der sich besonders um den Erhalt der Geschichte unserer Stadt verdient gemacht hat. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen als Vertriebenenkind war er für die Geschehnisse der Nachkriegszeit besonders sensibilisiert. Mit Wort und Tat hat er Zeit seins Lebens dazu beigetragen, dass diese Erfahrungen nicht in Vergessenheit geraten und unsere Stadtgeschichte damit lebendig bleibt. Besonders im Gedächtnis bleiben sein Wirken im Arbeitskreis Historisches Geretsried, seine Mitarbeit beim Weg der Geschichte, die von ihm initiierten Obelisken oder auch das wunderbare Quiz, das er zu unserer Stadthistorie entworfen hat. Wir alle danken ihm für dieses beeindruckende Engagement. Mein Beileid gilt seiner Familie und all denjenigen, die ihm auf seinem Lebensweg geleiten durften.“

Über seine Kindheit lassen wir ihn noch einmal selbst zu Wort kommen (aus einer sehr persönlich gehaltenen Schrift, die er 2017 verfasst hat). „Als meine Mutter am 13. August 1948 nach einem am Bahnhof Wolfratshausen begonnen Fußmarsch mit drei Kindern das Pförtnerhaus der Deutschen Sprengchemie in Geretsried, unsere zukünftige Wohnung, erreichte, ging für uns eine Zeit größter Not und Gefahr zu Ende.

Am 8. Mai 1942 in Ketzelsdorf im Sudetenland geboren, erlebte ich nur die ersten drei Lebensjahre unbeschwert. Mit dem Kriegsende begann dagegen eine dreijährige Lebensphase die von Heimatverlust, wiederholtem Ortswechsel, Bedrohungen, Isolierung und Hunger bestimmt war. Es war ein Kampf um unser Überleben, den meine Mutter allein, in Abwesenheit des in russischer Kriegsgefangenschaft befindlichen Vaters, führen musste.

Im April 1945 sah sich meine Mutter nach einem gescheiterten Fluchtversuch vor der heranrückenden russischen Armee – zu Fuß mit mir im Kinderwagen und mit meiner älteren Schwester daneben, wie andere deutsche Frauen den Nachstellungen der Rotarmisten ausgesetzt. Als die russischen Truppen abgezogen waren, übernahmen tschechische Behörden das Regiment über die zurück gebliebenen Deutschen und wiesen uns in ein improvisiertes Internierungslager ein.

Nach zweimonatigem Aufenthalt wurde den arbeitsfähigen Insassen des Lagers das Angebot gemacht, das Lager verlassen zu können, wenn sie bereit wären, für Tschechen zu arbeiten. Obgleich meine Mutter Lehrerin war, entschied sie sich im Hinblick auf eine gesicherte Ernährung für die Arbeit auf einem tschechischen Bauernhof. Ein knappes Jahr sollten wir dort in einem tschechischen Dorf, nur von Tschechen umgeben, leben. Gegen Ende unseres Aufenthalts sprach ich so gut tschechisch, dass ich meine Mutter wiederholt nach den deutschen Bezeichnungen für tschechische Wörter fragen musste. Tschechische Kinderreime, Schimpfwörter und Schlüsselwörter wie Mutter, Vater, Wasser, Brot oder Arbeit sind mit noch heute geläufig.

Für ihre schwere Arbeit als Bauernmagd hätte meine Mutter laut tschechischer Behörde entlohnt werden müssen. Sie bekam jedoch keine einzige Krone und war deshalb erleichtert, als wir den Bestimmungen der Potsdamer Konferenz gemäß im Sommer 1946 aus der Tschechoslowakei ausgewiesen wurden. Allerding gehörte zur Praxis der als „human“ titulierten Ausweisung das „Filzen“ der Deutschen vor dem Besteigen der Züge nach Deutschland. Und so wurde der verschnürte Handkoffer meiner Mutter aufgeschnitten und sein kläglicher Inhalt – eine Decke, ein paar Stofftaschentücher, ein wenig Leibwäsche und Besteck für drei Personen – von den zuständigen Tschechen „entnommen“.

Verladerampe des Munitionswerks DSC – einst Kinderspielplatz

Bettelarm und ausgehungert kamen wir nach zweitätiger Zugfahrt im Norden von Berlin an. Von den deutschen Behörden wurden wir in eine Zweizimmerwohnung in der Ortschaft Leegebruch, Kreis Velten, eingewiesen. Zwei Jahre sollten wir dort unter schwierigsten Bedingungen verbringen.

Die amtlich verordneten Lebensmittel reichten nicht, Holz für den kleinen Herd mussten wir in einem zwei Kilometer entfernten Wald sammeln. Es gab keine Verwandten oder Bekannten, die uns unterstütz hätten. Wir haben oft gefroren und noch öfter gehungert. Deshalb sah sich meine Mutter immer wieder gezwungen, zum Hamstern zu fahren. Für Vertriebene, also besitzlose Frauen wie meine Mutter was das nicht einfach.

Mit in Berliner Läden gekauften billigen Taschen- und Küchenmessern fuhr sie bis zu 200 Kilometer weit mit dem Zug nach Mecklenburg, um dort, weit weg vom Berliner Umland, ihr Glück zu versuchen. Einen Platz in den damals völlig überfüllten Zügen bekam sie nur, wenn sie mit dem ersten um 5 Uhr morgens fuhr. Für ihre Messer tauschte sie manchmal tatsächlich Kartoffeln, Weizen oder Hirse ein, die sich nach in der Regel zweitägiger Abwesenheit völlig erschöpft im schweren Rucksack nach Hause brachte.

Da mit den gehamsterten Lebensmitteln unser Hunger nur vorübergehend zu stillen war, gab es in der warmen Jahreszeit bei uns viel Grünzeug. Alles, was heute vom Löwenzahn bis zur Brennnessel als Naturgabe angepriesen wird, wurde von uns gesammelt und zubereitet. Heute noch kann ich ohne Angst ein rohes Brennnesselblatt genüsslich kleinbeißen!

Im Sommer 1948 erfuhr meine Mutter durch einen Bekannten, dass mein Vater die russische Kriegsgefangenschaft überlebt und sich in Geretsried im fernen Oberbayern angesiedelt hatte. Die Familienzusammenführung erfolgte umgehend im August 1948, war jedoch von Widrigkeiten begleitet: Die Grenze zwischen russischer und amerikanischer Besatzungszone bei Hof konnten wir nur mit Hilfe eines Schleusers überqueren, und bei der verspäteten Ankunft unseres Zuges in Wolfratshausen waren weder mein Vater noch ein Bus präsent.

Auf der Trasse der heutigen B11 machten wir uns zu Fuß auf den Weg Richtung Pförtnerhaus der Deutschen Sprengchemie, der Wohnung meines Vaters. Aus Enttäuschung über dessen Abwesenheit am Bahnhof und von unser aller Hunger getrieben, tauschte meine Mutter in dem am Wege liegenden DP-Lager ihr letztes Schmuckstück, einen Brillantring, gegen einen Laib Brot ein. Wie stark der Hunger unsere beiden letzten Lebensjahre geprägt hatte, geht aus der Tatsache hervor, dass ich mir an den folgenden drei Tagen vor dem Schlafengehen jeweils zwei Brotschnitten unter das Kopfkissen legte. Obwohl erst sechs Jahre alt, verfügte ich in der Daseinsvorsorge schon über genügend Erfahrung.

 

Pfeiler der Tattenkofener Brücke –damals Sprungbrett für Jugendliche

Die Anfänge unseres Familienlebens waren schwierig: Die gut achtjährige Abwesenheit meines Vaters (sechs Jahre Krieg, zwei Jahre Gefangenschaft in Sibirien) hatte so etwas wie einen Keil zwischen uns getrieben. Die Familie musste erst zusammenwachsen, die Rollen mussten neu verteilt werden.

Die Wohnungseinrichtung in den ehemaligen Aufenthaltsräumen des DSC Werkschutzes bestand anfangs aus zwei Blechspinden, einem Tisch mit vier Stühlen, einem viel zu kleinen Ofen sowie Strohsäcken, Decken und kleinen Kissen zum Schlafen. In diesen kaum eingerichteten und im Winter kalten Räumen konnte sich lange keine Nestwärme entwickeln – und es dauert fast zwei Jahre, bis wir über eine Eirichtung verfügten, die einer fünfköpfigen Familie einigermaßen genügte.

Das Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Mein ab 12948 in Geretsried als Lehrer arbeitender Vater bekam wesentlich weniger Gehalt als die bei den Demontagen eingesetzten Hilfsarbeiter. Ich gehörte deshalb zu den vielen Nachkriegskindern, die im Sommer mangels eigener oder geeigneter Schuhe häufig barfuß unterwegs waren.

Trotz dieser Anfangsschwierigkeiten wendete sich in Geretsried vieles zum Besseren: Kontakte mit Nachbarn, Bekannten und Verwandten führten zu einem bis dahin kaum erfahrenen Gemeinschaftsgefühl.

Die Einschulung zusammen mit 52 gleichaltrigen Kindern aus Geretsried hatte für mich eine ähnliche Wirkung. Da wir ausnahmslos Flüchtlings- oder Vertriebenenkinder waren, gab es in Geretsried, anders als in vielen Orten der Umgebung, keine Reibereien und Kämpfe mit einheimischen Kindern.

Dem aus Klassenkameraden gebildeten Freundeskreis boten sich außerschulisch nahezu unbegrenzte Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Wir erforschten zahllose Bunkerruinen, untersuchten Lokomotiven und Lastwagenwracks, drangen auf unseren Steifzügen bis zu den Ruinen der Tattenkofener Brücke vor und bestiegen – ein absoluter Nervenkitzel - den ehemaligen Beobachtungsturm der Rüstungswerke nahe der heutigen Firma Rohi.

 Unser Mut hielt sich jedoch in Grenzen: In das über mehrere Zugänge begehbare Tunnelsystem der Deutschen Sprengchemie trauten wir uns als Siebenjährige nicht hinein, und im Wald herumliegende Pistolen- und Gewehrmunition missbrauchten wir nicht zum Spielen, sondern  lieferten sie bei den Eltern ab.

Auf einem Teilstück der heutigen Johann-Sebastian- Bach-Straße spielten wir noch 1950 stundenlang Fußball. Autos, die uns gestört hätten, gab es damals so gut wie keine. Eine große Kiesgrube westlich davon war unser Badegewässer. Wie viele andere Geretsried Kinder lernte ich dort ohne elterliche oder fachliche Anleitung schwimmen. Im Winter spielten wir am selben Ort auf Stöckelreißern mit von der Form her geeigneten Haselnussstecken und flachen Steinen Eishockey.

Ausgedehnte Waldflächen, in denen sich noch Füchse, Dachse, Rehe und sogar Hirsche hielten, standen vor allem uns Jungen offen und luden zum Bau von Buden und Baumhäusern ein. Im Wald verbrachten wir auch sehr viel Zeit mit Holz- und Pilzesammeln.

Fast alle Geretsrieder Familien heizten in der Nachkriegszeit mit Holz. An das Leben im Geretsrieder Wald hatte ich mich so sehr gewöhnt, dass ich ihn nach unserer Übersiedlung in das waldlose Königsdorf schmerzlich vermisste – die feie Sicht in Königsdorf irritierte mich, die Geborgenheit im grünen Wald fehlte. Geretsried war mir während meines siebenjährigen Aufenthalts sowohl durch seinen Wald und die aufregenden Relikte der Rüstungsindustrie als auch durch seine Bewohner, überwiegend Heimatvertriebene, zur Heimat geworden.“

Arthur (obere Reihe,3. von rechts), Schuljahr 1948/49,1. Klasse
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