Arbeitskreis Historisches Geretsried
Arbeitskreis Historisches Geretsried

1. Vortrag von Herrn Martin Walter am 13.04.2015 zum Thema:

"Aufbau der beiden Munitionswerke auf dem Boden des heutigen Geretsried, Finanzierung und Gründe zur Ansiedlung im Wolfratshauser Forst"

70 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges will der Arbeitskreis Historisches Geretsried (AHG) eine umfassende Dokumentation über die beiden Munitionsfabriken im Wolfratshauser Forst erstellen. Vergleichbare Städte in Bayern und Deutschland, die auf dem Boden von ehemaligen Munitionswerken entstanden sind, haben bereits in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten solche Arbeiten erstellt. Ein solches Buch soll jetzt auch in Geretsried verwirklicht werden. Die Mitglieder des AHG bringen ihre Motivation für das große Projekt auf den Punkt: „Wenn wir es jetzt nicht machen, wer soll es später dann noch tun?“.
Gleichzeitig zur Arbeit an der Dokumentation will der AHG in verschiedenen Vorträgen einzelne Kapitel in der Öffentlichkeit präsentieren. Den Anfang machte jüngst Martin Walter, profunder Kenner der Geretsrieder Geschichte, mit seinem Vortrag: „Aufbau der beiden Rüstungswerke auf dem Boden des heutigen Geretsried, Finanzierung und Gründe zur Ansiedlung im Wolfratshauser Forst.“
Anhand einer Grafik gelang es dem Referenten den rund 100 Zuhörern in der Mensa des Gymnasiums anschaulich darzustellen, wie trickreich die Nazis vorgegangen sind, um sich aus den Fesseln des Versailler Vertrages zu lösen und die massive Aufrüstung in Deutschland vor der deutschen Bevölkerung und den Regierungen der europäischen Nachbarn geheim zu halten. Das Oberkommando des Heeres (OKH) beauftragte die Dynamit Aktiengesellschaft (DAG) die entsprechenden Werke zu planen und zu bauen. Die DAG wiederum übergab die Anlagen an die Montan, die sie an die Verwertchemie, einer Tochtergesellschaft der DAG, verpachtete. Die Verwertchemie produzierte die Sprengstoffe und Munition und verkaufte sie schließlich an das OKH. Nach diesem sogenannten „Montanviereck“ oder „Rüstungsviereck“ wurde das Werk Tal I in Gartenberg errichtet.

Nach dem gleichen Schema wurde das Werk Tal II südlich der Tattenkofener Straße gebaut, statt der DAG wurde hier die Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff AG (WASAG) aktiv, statt der Verwertchemie produzierte hier die Deutsche Sprengchemie (DSC) die Munition. Mit Hilfe einer zweiten Grafik konnte Martin Walter die komplizierte Finanzierung der Rüstungswerke darstellen, die nicht über Bargeld erfolgte, sondern durch die Ausgabe von Schuldscheinen. Die Metallurgische Forschungsgesellschaft (MeFo) gab die Schuldscheine heraus für die die Deutsche Reichsbank die Bürgschaft übernahm. Bei einem späteren wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland hätten die Schuldscheine später eingelöst werden können.

Am Beispiel der 4-Jahrespläne Hitlers zeigte der Referent die wirklichen Absichten Hitlers auf. Drei Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler erklärte Hitler am 2. Febr. 1933: „Binnen vier Jahren muss die Arbeitslosigkeit beseitigt sein!“ Der zweite 4-Jahresplan von September 1936 wurde schon konkreter und gipfelte in zwei Forderungen: „Die deutsche Armee muss in 4 Jahren einsatzfähig sein! Die deutsche Wirtschaft muss in 4 Jahren kriegsfähig sein!“ Der dritte 4-Jahresplan von April 1937 wurde 1940 um vier Jahre verlängert. Bereits 1936 konnte niemand mehr an den Vorbereitungen für einen Angriffskrieg zweifeln.
Aufgelockert durch kleine Filmausschnitte konnte Martin Walter die damalige Nazipropaganda entlarven. Die Arbeitslosigkeit im Dritten Reich wurde nicht bekämpft durch friedliche Großprojekte wie Autobahnbau, Entwässerung von Mooren, Projekte des Wasserbaus oder andere Infrastrukturmaßnahmen, sondern durch Projekte der Rüstungsindustrie.
Im dritten Teil seines Vortrages legte der Referent dar, warum die beiden Munitionswerke in den Wolfratshauser Forst kamen. Am 11. März 1936 wurde Heinrich Jost von der NSDAP zum Bürgermeister von Wolfratshausen ernannt. November 1936 legte er seinen Wirtschaftsplan (Plan Jost) vor, in dem er eine aktive, friedliche Wirtschaftspolitik zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit betreiben wollte. Aus dem Titel der Denkschrift ist dies deutlich ablesbar: „Denkschrift der Marktgemeinde Wolfratshausen betreff Arbeitsbeschaffung und wirtschaftliche Belebung in Wolfratshausen“. Die übergeordneten Parteiorgane reagierten auf diese Schrift überhaupt nicht. Vielmehr hatte das OKH bereits im Mai 1936 den Wolfratshauser Forst ins Visier genommen, um dort Werke zur Rüstungsindustrie zu bauen. Einleuchtende Gründe sprachen für diesen Standort: Es gab Wald zur Tarnung, genügend Wasservorkommen, ein Fluss zur Ableitung der Abwässer, eine mögliche Verkehrsanbindung zur Isartalbahn, der benötigte Grund war zum größten Teil im Besitz des Staates. Bald kam ein Dr. Gritzbach, ein enger Mitarbeiter von Hermann Göring, nach Wolfratshausen und verpflichtete Jost zur absoluten Geheimhaltung der Pläne, die in Berlin geschmiedet wurden. Untergeordnete Stellen wurden zwar informiert, konnten ihre Einwände zwar formulieren, verhindern konnten sie absolut nichts. Auch das Staatliche Forstamt in Wolfratshausen konnte trotz aller Bemühungen von Amtsleiter Müller nichts ausrichten. Der Münchener Gauleiter Adolf Wagner, ein Günstling Hitlers erklärte damals: „Nicht die Gefühle und die Liebe zur Natur bestimmen hier, sondern die kalten Berechnungen auf dem Weg zu einem Krieg“. Die „Fabrik zur Verwertung chemischer Stoffe“ (Mutter: DAG) und die „Deutsche Sprengchemie“ (Mutter: WASAG) wurden ab 1937 geplant und gebaut. Vom Herbst 1940 bis zum Frühjahr 1945 wurden im Wolfratshauser Forst Sprengstoffe und Munition verschiedener Art produziert.

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